Gosford Park
Gosford Park
Scope. USA/Großbritannien/Deutschland/Italien 2001
Produktion: Chicagofilms/Capitol/Film Council/Medusa/Sandcastle 5/USA Films
Produzenten: Robert Altman, Bob Balaban, David Levy, Joshua Astrachan, Jane Frazer
Regie: Robert Altman
Buch: Julian Fellows
Kamera: Andrew Dunn
Musik: Patrick Doyle
Schnitt: Tim Squyres
Darsteller: Michael Gambon (Sir William McCordle), Kristin Scott Thomas (Lady Sylvia McCordle), Camilla Rutherford (Isobel McCordle), Maggie Smith (Constance, Gräfin von Trentham), Charles Dance (Raymond, Lord Stockbridge), Geraldine Somerville (Louisa, Lady Stockbridge), Tom Hollander (Lieutenant Commander Anthony Meredith)
Länge: 137 Min.
FSK: ab 12; f
Verleih: Ottfilm
Feine Klaviermusik klingt aus dem
Off, und natürlich muss es regnen am Anfang, denn man befindet sich im
"Good Old England": Matsch, zwei Rolls Royce auf engen Landstraßen, in
dem einen eine Frau von Geblüt, die sich - schnippisch, selbstbewusst,
mit britisch-aristokratischer "stiff lip" - mit ihren jungen
Dienstmädchen unterhält. Dann öffnet sich das Bild, und zu sehen ist
ein prächtiges Schloss: Gosford Park. Hier trifft sich eine
Jagdgesellschaft, alter Adel, doch zum Teil mit frischem, nicht ganz so
vornehmem Blut angereichert; dabei ist als Gast auch ein misstrauisch
beäugter - weil amerikanischer, jüdischer, homosexueller -
Filmproduzent, sozusagen als heimlicher Hofnarr. Sie alle bringen ihre
Dienstboten mit, die von Butlern kommandiert werden, die kaum weniger
Standesdünkel haben als ihre Herrschaften und durch ihre feinen
Unterschiede - etwa wie am Morgen der Tee und zur Nacht die heiße Milch
zubereitet werden - am unteren Ende der Gesellschaft deren interne
Hierarchie getreu spiegeln, bis zu den Namen ihrer Herren, die ihnen
unter dem Personal der Einfachheit halber zugeordnet werden. "Upstairs,
Downstairs", wie in der gleichnamigen Fernsehserie aus den 70er-Jahren
("Das Haus am Eaton Place"), an die Altmans Film den kontinentalen
Zuschauer immer wieder erinnert. Die Klassengesellschaft des Empire ist
noch fast intakt - das Vereinigte Königreich anno 1932.
Aber wie jeder
soziale Verbund hat auch dieser seine Sollbruchstellen und - noch
wichtiger - seine kleinen und größeren Geheimnisse. Raum also für
Entlarvung, Bloßstellung, Wegreißen des mehr verhüllenden als
behütenden Scheins und dessen allenfalls ironisch gebrochene
Bestätigung. Hier wird klar, was Altman vor allem an diesem Period
Picture interessiert. Zwar versteht er es, auch mit mittlerweile 77
Jahren sein Publikum immer wieder zu überraschen, doch nur auf den
allerersten, oberflächlichen Blick fällt sein neuer Film ganz aus
seinem riesigen Werk (über 40 Filme) heraus. Berühmt wurde er für
sarkastisch-engagierte Filme wie "M.A.S.H." (fd 16 830), vor allem aber
für seine Faible zur dramatisch zugespitzten Gesellschaftssatire wie in
"Nashville" (fd 19 724), "Short Cuts" (fd 30 588) oder "Dr.T and the
Women" (fd 34 679). An diese knüpft er an, arbeitet geduldig und
unaufdringlich die feinen Haarrisse seines Schauplatzes heraus.
Vor
allem in der ersten Stunde ist der Film, in dem Altman die fremde Welt
erst einmal vorstellt, mit der Neugier und Detailbesessenheit des
Ethnologen in ihre Nischen vordringt und weder Besonderheiten noch die
ihnen zugrundeliegenden Strukturen vergisst, von meisterlicher
Perfektion. Sein Interesse konzentriert sich weit stärker auf die
Dienstboten, ihre Mühe mit den Wünschen ihrer Herren, ihren Alltag,
damit auch ihre Betrachtungsweise der Menschen und Verhältnisse, denen
sie dienen. So nimmt der Zuschauer große Teile des Geschehens aus der
Sicht des Personals wahr, das oft mehr Durchblick hat als ihre
Herrschaften. Das Resultat ist ein typischer Altman-Film mit einem
riesigen Ensemble herausragender Schauspieler (vor allem Kristin Scott
Thomas, Helen Mirren, Jeremy Northam, Emily Watson, Maggie Smith und
Kelly MacDonald agieren glänzend), das mit leichter Hand, fehlerlos und
elegant choreografiert wird. Mit Hilfe der kaum stillstehenden Kamera
wirft Altman seinen multiperspektivischen Blick auf eine Welt, die er
offensichtlich liebt und doch kühl analysiert: ein Film über
Atmosphären und Oberflächen, über die Spur des Nicht-Offensichtlichen
im Sichtbaren. Unter anderem ist "Gosford Park" auch eine hübsche
Reflexion des Verhältnisses zwischen dem alten Europa und dem frühen
Hollywood. Jeremy Northam spielt die historische Figur des nur halb
erfolgreichen, schon fast resignierten Schauspielers Ivor Novello, der
in den Salons der Oberklasse den Gesangsunterhalter spielte - ein nahe
gehendes Porträt, bei dem der schönste Dialogsatz des Films fällt: "Wie
halten sie es nur mit diesen Leuten aus?", fragt Produzent Weissman
Novello, der lächelnd antwortet: "Sie vergessen, dass ich mein Geld
damit verdiene, sie darzustellen."
Ein Verbrechen wird auch enthüllt,
aber die "Murder Mystery"-Geschichte, zu der sich "Gosford Park" im
Folgenden entwickelt und die die "klassischen" Krimis von Agatha
Christie zitiert, ist das Unwichtigste. Zumal Altman sie mit ihren
Klischees und eingefahrenen Ritualen aufs Korn nimmt und letztlich nur
benutzt, um eine ganz eigene, völlig andere Geschichte zu erzählen.
Trotzdem scheinen der zeitliche Abstand und auch die kulturelle Distanz
zu dieser spätfeudalen und ungleichen Gesellschaft den Blick Altmans
eher zu mildern. Gnädig, stellenweise gönnerhaft, altersweise geht er
mit den vielen Schwächen und Sünden, den heimlichen Lastern seiner
Figuren um. Lüge und Intrige sind allgemein, alle haben etwas zu
verstecken, und augenzwinkernd signalisiert der Regisseur, der Mensch
sei eben nicht perfekt, und man solle es doch bitte nicht allzu genau
nehmen.
Zugleich fehlt es seiner sardonischen Komödie aber nicht an
Härte in der Betrachtung und Kritik der gesellschaftlichen Strukturen.
Altman ist ein genauer Beobachter von Demütigung und Ausbeutung, vor
allem der indirekten und unausgesprochenen. Mehr als eine seiner
Figuren trägt langjährige seelische Leiden mit sich herum. Offen
schildert der Film die Grausamkeiten unter den glänzenden Sitten der
Aristokratie. Darin, dass er die Beziehungen zwischen der Oberklasse
als Verhältnisse zeigt, in denen es letztlich nur ums Geld und um den
Überlebenskampf, um sozialen Auf- und Abstieg, wäre Verklärung und
Schönfärberei der Verhältnisse der Zwischenkriegszeit, unangemessene
Nostalgie das Letzte, was man Altman vorwerfen kann. Nur verdammt er
mit den Verhältnissen nicht auch die Menschen. Damit erinnert "Gosford
Park" an ein anderes großes Alterswerk: an John Hustons letzten Film
"The Dead" (fd 26 396) - auch dies ein illusionsloser Abgesang auf eine
längst vergangene Epoche. Brillante Dialoge, Witz und scharfe
Intelligenz, vor allem Humanität und Neugier: "Gosford Park" ist
perfektes Kino, das unterhält und etwas zu sagen hat, das glücklich
macht. · Rüdiger Suchsland
Das Treffen einer adligen
Gesellschaft im England des Jahres 1932 verdichtet sich zur
augenzwinkernden Bestandaufnahme einer Klassengesellschaft, deren
Dienstboten das Verhalten ihrer Herren und deren Dünkel spiegeln. Es
geschieht ein Mord, doch der dient lediglich als Vehikel, um die
heimlichen Laster der Personen, ihre Lügen und Intrigen zu entlarven.
Eine kluge Komödie über die Grausamkeit hinter der glänzenden Fassade
der feinen Gesellschaft, der die überaus elegante, von einer brillanten
Schauspielerriege getragene Inszenierung mit Witz, brillanten Dialogen
und scharfer Intelligenz einen Spiegel vorhält. - Sehenswert ab 14.
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